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Wie die Azubis in der Pflege schon vor dem Examen verheizt werden

Die desaströse Situation in der Pflege in Deutschland, die sich mit der Corona-Pandemie massiv verschärft hat, greift immer weiter um sich. Seit Jahren schleift es sich ein, dass Gesundheits- und KrankenpflegeschülerInnen immer mehr Aufgaben von examinierten Kräften übernehmen, ohne dabei angeleitet zu werden. Dieser Trend nimmt nun immer drastischere Formen an. 

Vor sieben Jahren, im Jahr 2015, wurde die Qualität der Krankenpflegeausbildung großflächig erhoben. 3400 Auszubildende wurden dazu befragt. Schon damals bewerteten 42% der Auszubildenden im “Ausbildungsreport-Pflege” ihre Anleitung als nicht gut. 60,1% gaben außerdem an, dass die PraxisanleiterInnen nicht genügend Zeit für die Anleitung hätten. Lediglich ein Zehntel der Auszubildenden gaben an, dass es genügend PraxisanleiterInnen gäbe. Leider wurde eine so umfangreiche Studie seitdem nicht wiederholt. Kürzlich veröffentlichte Berichte über die Situation, in der nun generalisierten Pflegeausbildung, lassen jedoch Böses ahnen. 
Im Januar 2021, als die Infektionszahlen wieder besonders hoch waren, kamen vom damaligen Gesundheitsminister Jens Spahn und der ehemaligen Familienministerin Franziska Giffey der Vorschlag, praktische Ausbildungsabschnitte durch die Verpflichtung für Azubis die Corona-Testungen in Pflegeeinrichtungen zu übernehmen, zu ersetzen. Statt Anleitung für den Beruf und praktisches Lernen würde dies für viele Auszubildende bedeuten, wochenlang ausschließlich Corona-Tests durchzuführen. Der Vorschlag wurde nicht nur vom DBfK und den Gewerkschaften, sondern auch vom Deutschen Pflegerat entschieden abgelehnt, wie Thieme-Online berichtete. Es wäre ein Leichtes gewesen, hierfür mit einer entsprechenden Bezahlung Studierende oder sogar unausgebildete Kräfte anzuwerben und ihnen lediglich die Testung umfassend beizubringen. Stattdessen sollte einmal mehr an der Qualität der Pflegeausbildung gespart werden.

Aktuell bestätigt sich der Trend, die fehlenden Pflegefachpersonen durch Auszubildende und Studierende zu ersetzen. Im stark Corona-betroffenen Mecklenburg-Vorpommern wird der Semesterstart für Medizinstudierende in Greifswald und Rostock nun verschoben und Auszubildenden in der Pflege werden vom Unterricht befreit, damit sie die Lücken schließen können, die in den Teams auf Stationen und in Pflegeheimen bereits entstanden sind, wie das Ärzteblatt letzte Woche berichtete. Studierende der Pflegewissenschaft sollen die Krankenhäuser gar auf “freiwilliger Basis” unterstützen.
Bei diesem unbeholfenen Vorgehen der dortigen Landesregierung von einer kurzsichtigen Strategie zu reden, trifft nicht den Kern der Sache. Das systematische Nicht-Handeln der Regierungen, bezüglich der Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die Pflege provozierte diese Notlage.
Bereits lange vor der Pandemie legten zahlreiche Studien den bestehenden Pflegenotstand offen und unterbreiteten Handlungsvorschläge. Geändert hat sich seither nicht viel. Es wird weiterhin auf den guten Willen der Pflegenden gebaut, ihre PatientInnen nicht im Stich zu lassen. Bedroht oder betroffen von Burn-Out und Überlastung, verlassen immer mehr Pflegekräfte aus freien Stücken oder notgedrungen den Beruf. Dass die Last nun an die Auszubildenden weitergegeben wird, scheint in der verfolgten Logik der Ausbeutung nur konsequent.
Der Pflegebereich sei in den letzten Jahren systematisch „ausgehungert“ worden, sagt die Arbeitssoziologin Nicole Mayer-Ahuja dazu im Interview mit dem Deutschlandfunk. Bis an welche Grenze diese Logik seitens der Politik weiter verfolgt werden wird, scheint in den Sternen zu stehen. Wird die Abhängigkeit der Azubis von ihrem Arbeitgeber jedoch noch schamloser ausgenutzt, wird keine Marketingkampagne mehr helfen, noch junge Leute für die Pflege zu begeistern. Langsam hat sich nämlich in Deutschland herumgesprochen, dass man mit der Arbeit im Gesundheitswesen nicht nur wenig Geld verdienen kann, sondern auch immer größere Teile seiner Freizeit und seiner Gesundheit einbüßt. 

Sollte sich am aktuellen Krisenmanagement also nicht schlagartig etwas ändern, werden wir nicht mehr viele Pflegekräfte in Deutschland haben, um die immer kränkere und ältere Gesellschaft zu behandeln. Allein die demographische Lage macht einen entschiedenen Ausbau des Pflegesektors unabdingbar. Die Pandemie hat diese Entwicklung noch einmal stark beschleunigt. Wer nun auf die Ausbeutung von Auszubildenden setzt, um die neuen Löcher zu stopfen, der beschleunigt den Weg in die falsche Richtung noch weiter.
Einzig eine drastische Verbesserung der Gehälter, deutlich bessere Arbeitsbedingungen mit verpflichtender Nurse-to-Patient-Ratio und eine Ausbildung auf einem hohen Niveau können den Pflegenotstand bremsen.

Pflegeausbildung nur noch mit Abstrichen möglich?

BOCHUM. Pflegeazubis auf dem Weg vom Ehrenpflega zum Corona-Ehrentesta? Die Pflegegewerkschaft BochumerBund (BB) weist die neueste Idee von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Bundesfamilienministerin Franziska Giffey vehement zurück. „Auszubildende sind nicht dafür da, personelle Lücken zu füllen. Wieder einmal trifft fehlender Sachverstand der Politik auf Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, die nur zu gerne bereit sind, Azubis noch stärker als bislang als billige Arbeitskräfte auszunutzen“, so Clarissa Fritze genannt Grußdorf. Die Gesundheits- und Krankenpflegerin und stellvertretende Vorsitzende des BochumerBund fragt sich: „Ist die Pflegeausbildung künftig nur noch mit Abstrichen möglich?“

Auch BB-Beisitzerin Kerstin Paulus kann der neuesten Idee aus Berlin nichts abgewinnen: „Ein Blick in §5 des Pflegeberufegesetzes hätte Herrn Spahn und Frau Giffey verraten, dass das Sich-Ausbeuten-Lassen nicht zu den Ausbildungszielen zählt.“ Viele Auszubildende in der Pflege haben wegen der Pandemie wochenlang keinen theoretischen Unterricht erhalten: „Der versäumte Stoff muss erst einmal nachgeholt werden. Da bleibt für Corona-Tests überhaupt keine Zeit.“

Fritze genannt Grußdorf verweist auf einen weiteren Aspekt: „Die Bundesregierung ist bereit, freiwilligen Hilfskräften bei Corona-Schnelltests in Alten- und Pflegeheimen 20 Euro pro Stunde zu bezahlen. Von solch einer Vergütung können Pflegeazubis nur träumen.“ Herr Spahn und Frau Giffey planten offenbar nichts anderes als ein Sparprogramm auf Kosten derjenigen, die ohnehin schon katastrophalen Ausbildungsbedingungen ausgesetzt sind.

Der BochumerBund fordert Franziska Giffey und Jens Spahn daher dazu auf, ihren Vorschlag zurückzuziehen. Stattdessen müssten sie andere Kräfte mobilisieren, um die Testungen in den Pflegeeinrichtungen zu gewährleisten. Hierfür würden sich nach Ansicht der Pflegegewerkschaft beispielsweise die 20.000 abrufbereiten Bundeswehrkräfte besser eignen als Pflegende oder Pflegeazubis.

„Die Politik sollte uns nicht immer mit schlechten Ideen von unseren eigentlichen Aufgaben abhalten. Wir würden uns bereits über ein bisschen mehr Sachverstand bei den Verantwortlichen freuen. Und über bessere Arbeitsbedingungen, Wertschätzung sowie eine angemessene Bezahlung sowieso – 20 Euro zum Beispiel.“

Pflegegewerkschaft BochumerBund: Pflegeausbildung gehört auf den Prüfstand

BOCHUM.- Die Pflegegewerkschaft BochumerBund (BB) mahnt an, die Ausbildung zu qualifizierten Pflegefachpersonen gerade während der Corona-Pandemie nicht zu vernachlässigen. Denn auch nach der Pflegeausbildungsreform mit Einführung der Generalistik sind die Bedingungen rund um die Ausbildung von Pflegefachkräften nicht merklich besser geworden – eher im Gegenteil. „Eine Nachbesserung vor allem im praktischen Ausbildungsbereich ist daher zwingend erforderlich, um den Pflegeberuf attraktiver zu machen“, betont Manuela Konrath, Fachkrankenschwester für den Operationsdienst und BB-Aktive.

Daher fordert die Pflegegewerkschaft zur Stärkung einer professionellen Praxisanleitung das verpflichtende Führen von Tätigkeits- und Ausbildungsnachweisen. Zu den Forderungen zählen darüber hinaus:

1. Ermittlung und Festlegung des erforderlichen Zeitbedarfs: Derzeit sind nach § 6 Abs. 3 des Pflegeberufegesetzes (PflBG) sowie § 4 Abs. 1 der Pflegeberufe- Ausbildungs- und Prüfungsverordnung (PflAPrv) lediglich mindestens zehn Prozent der während eines Einsatzes zu leistenden praktischen Ausbildungszeit vorgegeben.

2. Entsprechende Kontrollen durch Dritte, z. B. durch die Leitung der Pflegeschule oder die zuständige Schulbehörde.

3. regelmäßige Reflexionsgespräche mit der Praxisanleitung, zum Beispiel zu physischen und psychischen Belastungen

4. Freiplanung, sprich die Exkludierung von Auszubildenden und Praxisanleiterinnen und -leitern aus den Dienstplänen, um eine gezielte Praxisanleitung zu ermöglichen.

5. geregelte Freistellung der Praxisanleitung, prozentual nach Klassenstärke der Ausbildungsstätten: Hier sollte, wie im Berufsbildungsgesetz (BBiG) festgelegt, eine bestimmte Anzahl an Praxisanleitenden zur Verfügung stehen. Idealerweise sollte das Verhältnis 16:1 betragen.

6. Sanktionen gegen Einrichtungen bei Verstößen gegen die Vorgaben.

7. Die Examinierung muss durch Pflegeexpertinnen und -experten erfolgen und nicht wie derzeit in der Krankenpflege durch Medizinerinnen und Mediziner. Auch wenn die Ausbildung in einem interprofessionellen Kontext stattfindet, sollten Fachfremde nicht den Vorsitz der Prüfungskommission übernehmen. Dieser muss der Pflege selbst vorbehalten sein.

Weder das Pflegeberufegesetz noch die Pflegeberufe-Ausbildungs- und Prüfungsverordnung enthalten zur Praxisanleitung verbindliche Vorgaben, die eine qualitativ hochwertige Durchführung und Evaluation der praktischen Ausbildung sicherstellen. Der BochumerBund hält jedoch entsprechende Rechte und Pflichten der Auszubildenden, der Praxisanleiterinnen und -anleiter sowie der Ausbildungsstätte für zwingend erforderlich.

Diverse Entwicklungen haben zu dramatischen Bedingungen auch in der Ausbildung von Pflegefachleuten geführt. Hierzu zählen ein jahrzehntelanges Geringschätzen und Abwerten der beruflich Pflegenden und der daraus resultierende Ausstieg aus dem Pflegeberuf („Pflexit“). Auch das Stopfen personeller Engpässe durch Hilfskräfte, das Fehlen von prüfenden und regelnden Standesvertretungen wie Pflegekammern und nicht zuletzt der geringe gewerkschaftliche Organisationsgrad von Pflegenden spielen in diesem Kontext eine Rolle.

Wie es um die Ausgestaltung der Pflegeausbildung hierzulande nicht erst seit Pandemiezeiten aussieht, zeigen zahlreiche Beispiele aus der Praxis. Nach Beobachtungen von Manuela Konrath ist in Diensten auf peripheren Stationen oftmals nur eine examinierte Pflegekraft zu finden. Der „Rest“ müsse mit Auszubildenden und Hilfskräften aufgestockt werden. Sind in den Funktionsdiensten wie OP-Abteilungen Auszubildende als volle Kraft in der Saaleinteilung eingeplant, dann gehe es ausschließlich um die Anzahl der Köpfe auf dem Dienstplan. Konrath weiter: „Wenn es am Ende auch noch an Hilfskräften mangelt, deren Arbeit auf die Auszubildenden verteilt wird, steht zu befürchten, dass wir ,examinierte Hilfskräfte’ ausbilden.“

Die Gewerkschafterin ergänzt: „Auszubildende erwerben keine Sicherheit bei ihren komplexen Tätigkeiten, wenn sie ausschließlich Personallöcher stopfen. Außerdem sind die Erledigung von Hilfs- und Reinigungsdiensten in keiner Weise die Ansprüche, die wir an unsere Profession stellen.“ Auch eine professionelle, konzeptionelle und geplante Anleitung und Überprüfung unterbleiben viel zu häufig. Zu den Folgen zählen eine ständige Unter- oder Überforderung, ein hohes Maß an Frustration auf Seiten der Auszubildenden und der ausbildenden Personen sowie im schlimmsten Fall ein Abbruch der Ausbildung.

Statistiken untermauern Konraths Beobachtungen: „Es verwundert angesichts der Zustände nicht, dass die durchschnittliche Verweildauer von Pflegefachleuten in ihrem gewählten Beruf ca. sieben Jahre beträgt – von möglichen 40 Arbeitsjahren.“ Die Abbruchquote in der Pflegeausbildung liege mit ca. 30 Prozent weit über dem Durchschnitt anderer Ausbildungsberufe.

Ausbildende Betriebe stehen nach Auffassung der Gewerkschafterin Manuela Konrath klar in der Verantwortung: „Es benötigt genügend qualifiziertes Personal und die notwendigen zeitlichen Ressourcen, um die Auszubildenden zu begleiten, dem Ausbildungsstand entsprechend anzuleiten und das Gelernte zu überprüfen. Wenn allerdings die Personaldecke nicht einmal für die adäquate Versorgung von Patientinnen und Patienten ausreicht, dann lässt sich die qualifizierte Ausbildung unseres Pflegenachwuchses kaum sicherstellen.“ Nur wenn es gelinge, Pflegeausbildung auf höchstem Niveau sicherzustellen, könne es auch in Zukunft qualifizierte und professionelle Pflege geben.

Die stellvertretende BB-Vorstandsvorsitzende Clarissa Fritze genannt Grußdorf pflichtet ihrer Kollegin bei: „Damit die Pflegeauszubildenden überhaupt die notwendige Expertise erlangen, müssen die verantwortlichen Akteure der Politik dringend mehr liefern als halbgare Kampagnen wie die ,Ehrenpflegas’. Denn man begeistert keine Menschen für eine Karriere in der Pflege, wenn die Einrichtungen die Rahmenbedingungen der Ausbildung nicht gewährleisten können. Daran hat leider auch die Reform der Pflegeausbildung bis heute nichts geändert.“ Die politischen Akteure müssten endlich erkennen, dass ein Berufsstand nur professionell bleibe, wenn die Rahmenbedingungen der Ausbildung verbessert und professionalisiert werden.

„In die Ausbildung investiertes Geld ist also sinnvoll investiertes Geld“, unterstreicht Fritze genannt Grußdorf. „Vor der nächsten 700.000-Euro-Werbekampagne wie den missglückten ,Ehrenpflegas’ sollten Pflegefachleute und Praxisanleitende befragt werden, was mit einem derartigen Budget in der praktischen Pflegeausbildung geleistet werden könnte.“

Pflegegewerkschaft BochumerBund schreibt offenen Brief zu den „Ehrenpflegas“ an Ministerin Giffey

BOCHUM.– Die Pflegegewerkschaft BochumerBund (BB) hat sich mit einem offenen Brief an Bundesministerin Dr. Franziska Giffey gewandt. Hierin kritisiert er scharf die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend produzierte Miniserie „Ehrenpflegas“, die auf YouTube zu sehen ist.

Nach Ansicht des BB spiegelt die Serie in keiner Weise die hohen Ansprüche und die Realitäten der Pflegeausbildung wider, für die die Serie vorgibt zu werben. Entsprechend sieht der BochumerBund in der Serie seine Bemühungen um eine weitere Professionalisierung der Pflege konterkariert, etwa was die Fachlichkeit und die Haltung zum Beruf angeht.

Die Gewerkschaft aller professionell Pflegenden fordert die Ministerin daher auf, die Serie umgehend zu stoppen. Darüber hinaus bietet der BochumerBund an, mit seiner Expertise an der Entwicklung einer neuen, an der fachlichen und beruflichen Wirklichkeit orientierten Kampagne konstruktiv mitzuwirken.

Die Sektion Pflege der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) unterstützt die Forderungen des BochumerBunds.

Der offene Brief im Wortlaut:
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